Seit meinem dreizehnten Lebensjahr erlerne ich die Kampfkunst bei der in Jakarta/Indonesien ansässigen chinesischen Familie Chia, zunächst unter der Leitung von Sifu Chia San Fei, später auch unter der älteren Schwester, Sifu Chia Liu Yuan. Innerhalb der Familie Chia wird die Kampfkunst seit Generationen ausgeübt, verfeinert und weiter gegeben. Der Vater meines Meisters übte das Wudang Gōngfū und seine Frau war eine Meisterin des Tángláng Quán (Stil der Gottesanbeterin) und des Bái Hè Quán (Stil des Weißen Kranichs). Die Familie lebt nach daoistischem Glauben.

Meister Chia besuchte in den 1960er Jahren einen Karate-Lehrer der Stilrichtung Gōjūryū auf Okinawa, mit welchem er einen regen Austausch führte. Die auf Okinawa gesammelten Erkenntnisse demonstrierte er nach seiner Rückkehr den anderen Familienmitgliedern und beschloss, diese in den Familienstil zu integrieren. So kamen die zwölf kata des Gōjūryū in das System, wurden aber auf der Grundlage der daoistischen Lehre (z.B. den kosmologischen Ansichten von Himmel und Erde, die Gedanken des Wŭ Xíng (die fünf Wandlungsphasen), die Energielehre Qì, das Verständnis von Yīn und Yáng) neu betrachtet und strukturiert.

Die Kata Sanchin und Tenshō werden auch im System der Familie Chia als Basis und Ausgangspunkt aller weiteren Formen angesehen. Betrachtet man das allgemein bekannte Symbol des „Tàijí Tú“ entspricht die Sanchin (San Zhan / Sam Chien) der (hellen) Yáng-Seite und die Tenshō (Luóxuán shŏu – „Spiralhände“) der (dunklen) Yīn-Seite. Während die Sanchin äußerlich hart ist, bleibt die Tenshō weich in der Bewegung.

Das Tuishŏu (auch Schiebende Hände, Klebende Hände, Sticky Hands genannt) ist ein wichtiger Bestandteil des Systems. Innerhalb der Familie Chia wird lieber von den „Helfenden Händen“ gesprochen, da sich beide Hände beim Schutz und der Verteidigung unterstützen. Es geht darum, den Druck des Gegners so früh wie möglich zu spüren und umleiten zu können. Hierbei gibt es verschiedene Verfahren und Prinzipien, welche auf den Formen Sanchin und Tenshō beruhen.

Waffen sind ebenso ein wichtiger Bestandteil der Übung. Das Training mit Waffen unterstützt die Körperarbeit und das Körpergefühl. Der Kampfkünstler soll jedoch nicht nur wissen, wie die verschiedenen Waffen zu führen sind, sondern auch welche Schwächen sie aufgrund von Form und Gewicht haben.

Grundlage der Waffentechniken ist der ca. 140 cm lange Wanderstock. Der Stock gilt als Mutter aller Waffen und das Beherrschen dieser Waffe ist Voraussetzung zum Erlernen weiterer Waffen wie Doppelkurzstock, ein- und doppelschneidiges Schwert usw.